Sebastian Kleinschmidt

Proletarischer Kairos

Georg Lukács’ „Geschichte und Klassenbewußtsein“

 

„Das Buch wird es nicht ganz leicht haben, seine guten Leser zu finden“, vermutete Ernst Bloch 1923. „Die Russen etwa, welche philosophisch handeln, aber denken wie die ungebildeten Hunde, werden sogar einen Abfall darin wittern.“ Das taten sie auch. Auf dem V. Kongreß der Kommunistischen Internationale wurde Lukács von Sinowjew des Revisionismus, der Verwässerung des Marxismus, geziehen. Weitere parteiamtliche Vorwürfe folgten auf dem Fuße: Er habe die Naturdialektik verneint, die Widerspiegelungstheorie geleugnet, den Materialismus geschwächt.

In Walter Benjamin fand das Buch einen „guten Leser“. 1929 nannte er die Aufsatz-Sammlung „das geschlossenste philosophische Werk der marxistischen Literatur. Seine Einzigartigkeit beruht in der Sicherheit, mit der es in der kritischen Situation der Philosophie die kritische Situation des Klassenkampfes und in der fälligen Revolution die absolute Voraussetzung und das letzte Wort der theoretischen Erkenntnis erfaßt hat“.

„Geschichte und Klassenbewußtsein“ ist Lukács’ berühmtestes und wirkungsmächtigstes Werk. Kurioserweise jedoch ist niemand schärfer mit ihm ins Gericht gegangen als er selbst. Vom Widerruf 1934 bis zum Vorwort zur Neuausgabe 1967, stets warnt der Verfasser vor seinen eigenen Gedanken. Das erste Mal in der berüchtigten Samokritika, der stalinistischen Form der Selbstkritik: Das Buch sei idealistisch, folglich theoretisch unwahr und praktisch gefährlich, denn der Idealismus sei ein Bundesgenosse des Faschismus und seiner sozialdemokratischen Helfershelfer; zum Glück kämpfe die Partei unter der Führung des Genossen Stalin unbeugsam für die Reinheit des Marxismus-Leninismus. Vom feinsinnigen Georg von Lukács, dem Schüler Simmels und Webers, dem tragischen Kulturphilosophen, dem bewunderten Autor der „Theorie des Romans“ und der Essay-Sammlung „Die Seele und die Formen“, war wenig geblieben.

1918 war er zur allgemeinen Überraschung in die soeben gegründete Kommunistische Partei Ungarns eingetreten. Gleichsam über Nacht hatte er eine Bekehrung erlebt und daraufhin mit den geistigen Sitten seiner Herkunftsklasse gebrochen. Aus dem „großbürgerlichen Intellektuellen“ war ein „kommunistischer Propagandist“ geworden. In einer seiner ersten Arbeiten als Parteimitglied heißt es (in nicht ganz astreinem Deutsch): „Wenn der Kommunismus endgültig gesiegt hat, wenn dadurch alle Klassenunterschiede verschwunden sind, wenn das wirtschaftliche Leben und damit die Sorge um den Lebensunterhalt keine Rolle mehr spielt – dann stellt sich die Frage: Wodurch wird diese neue Gesellschaft zusammengehalten, was wird der wichtigste Inhalt der in ihr Lebenden sein? Auf diese Frage können wir nur von der Seite der Moral eine Antwort erhalten. Die radikale Ausmerzung der Klassenunterschiede hat bloß dann einen Sinn gehabt, wenn dadurch alles aus dem zwischenmenschlichen Leben verlorenging, was die Menschen voneinander getrennt hat: jeglicher Zorn und Haß, jeglicher Neid und Hochmut. Mit einem Wort: wenn die klassenlose Gesellschaft die Gesellschaft der gegenseitigen Liebe und des Verständnisses sein wird.“ Es war die Ethik, die Lukács zum Gegner des Kapitalismus und zum Kritiker seiner Kultur werden ließ. Und es war auch die Ethik, die ihn zur Revolution und zum Sozialismus führte.

1967 resümiert er noch einmal – nun mit Gelassenheit – die Falschheit der Fundamente von „Geschichte und Klassenbewußtsein“: das messianische Sektierertum, den radikalen Utopismus, das Überhegeln Hegels, die Überspanntheit des Praxisbegriffs. Dann heißt es mit einem gewissen Stolz: „Für die damalige Wirkung und auch für eine eventuelle Aktualität in der Gegenwart ist aber über alle Einzelbetrachtungen hinaus ein Problem von ausschlaggebender Bedeutung: die Entfremdung, die hier zum erstenmal seit Marx als Zentralfrage der revolutionären Kritik des Kapitalismus behandelt wird.“

Damit ist der Kern des Buches umrissen. Seine Berühmtheit verdankt es der Universalisierung des Verdinglichungsbegriffs und der Nobilitierung des Klassenbewußtseins zum proletarischen Kairos der Geschichte, zur kognitiven Erlösungsinstanz der Menschheit. Die Grundthese lautet: Kommunismus als Verwirklichung der Philosophie heißt Aufhebung der Entfremdung und Ende der warenförmigen, sprich entseelten, kalkulierten und verdinglichten Denk- und Lebensformen. Kommunismus ist der Ausgang des Menschen aus der durch gesellschaftliche Arbeitsteilung verschuldeten Selbstzerstückelung, ist Wiederherstellung seiner Einheit und Rückkehr in die Totalität ganzheitlicher Denk- und Seinsbeziehungen.

Jahrzehntelang hat das Thema die nach Welterlösung dürstenden Gemüter erhitzt. Heute gilt es als erledigt. Das für geistesgeschichtliche Phänomene typische Bersten der Begriffe hat auch die Entfremdung und ihre Aufhebung nicht verschont. Zwar verstehen wir noch das Problem, von dem Lukács spricht, aber wir akzeptieren nicht mehr die Lösung.

Hierin mag die Ursache liegen, daß den heutigen Leser von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ streckenweise eine peinigende Langeweile überfällt. Sie ist nicht allein der Abstraktheit der Gedanken geschuldet. Die spannungsvollen Konstellationen, in denen das Buch einst stand, haben sich mit dem Fall des Kommunismus und der Abdankung des institutionellen Marxismus aufgelöst. Die gesamte Theorie der Verdinglichung, abgeleitet aus der Marxschen Analyse des Warenfetischismus, ist mit dem philosophischen Skandal konfrontiert, daß 1989 nicht die marktwirtschaftliche kapitalistische Warenproduktion, sondern die planwirtschaftliche sozialistische Gebrauchswertproduktion zusammengebrochen ist.

Was also bleibt von der Theorie der Entfremdung, wenn der Traum von der Aufhebung geplatzt ist, das Versprechen der Erlösung „nicht gehalten“ wurde? Vielleicht Kulturkritik; aber ohne anklägerisches Pathos. Denn mehr noch als unsere Hoffnung kann uns unsere Verzweiflung täuschen. Das zeigt sich an Lukács’ Haltung zur kapitalistischen Lebenswelt. Die Verzweiflung über die Antinomien bürgerlicher Alltagsexistenz, über die Kulturferne des Lebens und die Lebensferne der Kultur, über das Schicksal des Geistigen im Status quo von Kommerzialität hatte ihn lange vor seiner Bekehrung zum Kommunismus ergriffen. Doch sie täuschte, indem sie ihm nichts als Verachtung entlockte. Auch Verachtung, nicht nur Verheißung, kann zur Verblendung führen.

Zum Beispiel die Verachtung „bürgerlicher Freiheit“. In „Geschichte und Klassenbewußtsein“ ist zu lesen: „Die ‘Freiheit’ des gegenwärtig lebenden Menschen ist die Freiheit des durch den verdinglichten und verdinglichenden Besitz isolierten Individuums: eine Freiheit gegenüber den anderen (ebenfalls isolierten) Individuen. Eine Freiheit des Egoismus, des Sich-Abschließens“. In puncto Russische Revolution und kommendes Reich der Freiheit folgt dann: „Das bewußte Wollen des Reiches der Freiheit kann also nur das bewußte Tun jener Schritte bedeuten, die diesem tatsächlich entgegenführen. Und in der Einsicht, daß individuelle Freiheit in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nur ein korruptes und korrumpierendes, unsolidarisch basiertes Privileg sein kann, bedeutet es gerade: den Verzicht auf individuelle Freiheit. Es bedeutet das bewußte Sich-Unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist. Dieser bewußte Gesamtwille ist die kommunistische Partei.“ Die Alternative zur Entfremdung und ihrer verdinglichten Freiheit des einzelnen ist die in bewußter Parteidisziplin vorweggenommene Solidarität aller. Hier kommt Lukács einer philosophischen Begründung des kommunistischen Despotismus bedenklich nahe.

Das zeigt sich auch an anderen Stellen des romantischen Traums vom Ende der Entfremdung. Lukács zufolge geht es um mehr als bloß richtiges Denken: „Nur wer die Zukunft herbeizuführen berufen und gewillt ist, kann die konkrete Wahrheit der Gegenwart sehen.“ Im Glauben an den Tatcharakter des philosophischen Wortes gewährt er der Partei der Revolution das Privileg auf Erkenntnis und macht damit die von ihr interpretierte Wahrheit zur Grundlage eines am Ende unverhüllten Machtanspruchs. Wo aber eine politische Partei Quelle der Wahrheit ist und qua Verfassung zugleich Inhaber des Machtmonopols, ist der Polizeistaat nicht mehr fern. Auch eine staatlich verordnete und polizeilich kontrollierte Einheit des Bewußtseins bedeutet ein Ende der Entfremdung, könnte ein zynischer Naphta des Kommunismus meinen. Das war Lukács nicht, obgleich von ihm der Ausspruch stammt, der schlimmste Sozialismus sei besser als der beste Kapitalismus. Dabei ist er geblieben, und es war eine Art freimütiges letztes Wort. Allerdings nicht der Geschichte. Auch wenn Lukács in ihrem Namen zu sprechen glaubte.