Karl Korsch

J. Stalin: Lenin und der Leninismus[1]

 

„Wir müssen auch nach Mitteln suchen, den Ausländern die Anfänge dieser Resolution zu erklären.“ (Lenin auf dem 4. Kongress der KI. mit Bezug auf die Resolution des 3. Kongresses über den organisatorischen Aufbau der Kommunistischen Parteien und über die Methode und den Inhalt ihrer Arbeit.)

 

Man muss den Leninismus zur Durchführung bringen. Darin besteht die große Aufgabe, die der erste Weltparteitag der werdenden kommunistischen Weltpartei, der 5. Kongress der Kommunistischen Internationale, den kommunistischen Parteien in Europa, Amerika und auf der ganzen Welt für ihre praktische, politische und organisatorische, und ebenso auch für ihre theoretische Arbeit vorgeschrieben hat. Genosse Béla Kun weist in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Stalins Leninismus-Buch mit Recht darauf hin, dass diese Aufgabe für die westeuropäischen Parteien auf dem 5. Kongress zum ersten Mal in ihrem ganzen Umfange gestellt worden ist. Bis zum 5. Kongress genügte es für eine Partei, sich zu den vom 1. Kongress ausgerufenen kommunistischen Prinzipien zu bekennen und durch die Erfüllung der vom 2. Kongress in den Grundzügen festgelegten, vom 3. und 4. Kongress weiter ausgearbeiteten organisatorischen Bedingungen, die nicht nur mit Worten, sondern in der Wirklichkeit vollzogene Trennung von den Reformisten und Zentristen zu beweisen, um die Zugehörigkeit zur 3. Internationale zu erlangen. Aber es war nur ein Programm. und ein Versprechen, wenn die auf solche Weise der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien sich als „Teil“ (Sektion) der „Kommunistischen Internationale“ bezeichneten. In ihrer inneren Struktur und Qualität waren sie durchaus noch keine wirklichen Bestandteile einer kommunistischen Weltpartei. Sie gehörten äußerlich zu einer bolschewistischen, leninistischen Internationale, aber sie waren selbst durchaus noch nicht, weder in ihrer Praxis noch in ihrer Theorie, vollkommen leninistisch. (Man erinnere sich, was das letztere betrifft, daran, dass noch bis zum Jahre 1923 die Lehren von Rosa Luxemburg „die Theorie“ der deutschen Kommunistischen Partei gebildet haben und dass ganze kommunistische Parteien, z. B. die englische, im Grunde überhaupt noch keine „Theorie“ besitzen!) Das Neue, was der 5. Kongress gebracht hat, besteht darin, dass der von oben, bei der Kommunistischen Internationale selbst, begonnene Prozess der „Bolschewisierung“ sich jetzt praktisch und theoretisch nach unten ausbreitet, und zum ersten Mal die innere Struktur der Parteikörper bis herab zu ihren einzelnen „Zellen“ ergreift. Bolschewistisch war zuerst nur die russische Bolschewistische Partei. Von dieser Keimzelle aus begann der Prozess der „Bolschewisierung“, durch den zuerst die Kommunistische Internationale als solche erfasst wurde. Die vom 5. Weltkongress gegebene Direktive besagt, dass nunmehr alle Sektionen der Kommunistischen Internationale „bolschewisiert“ werden sollen.

Die konkrete Erfüllung dieser Direktive fällt keiner europäischen Kommunistischen Partei leicht. Die Aufgabe, den Leninismus nicht nur formal anzunehmen und äußerlich nachzuplappern und nachzuäffen, sondern ihn in einem speziellen Sinne zu lernen, die Organisation, den Bau, die Methode, den Inhalt der leninistischen Arbeit wirklich zu verstehen und den Leninismus konkret durchzuführen, stellt an alle europäischen Parteien die höchsten Anforderungen nicht nur in praktisch-organisatorischer, sondern ebenso auch in theoretischer Hinsicht, was hier innerhalb der Partei (in ihrem Funktionärskörper und ihrer Mitgliedschaft) und von der Partei (gegenüber der gesamten proletarischen Klasse und gegenüber den gegenwärtigen und künftigen Verbündeten des Proletariats) an theoretischer leninistischer Arbeit zu leisten ist, kann durchaus nicht als das Nebenprodukt organisatorischer Anstrengungen und politischer Aktionen erlangt werden. Dies zu meinen, wäre ein verhängnisvoller Rückfall in die sonst für überwunden gehaltene (Luxemburgsche) Spontaneitätstheorie. Hier hilft kein Mäulchen-Spitzen, keine bindenden Terminsetzungen für die Umstellung auf Betriebszellen und für den Wiedereintritt in die Freien Gewerkschaften. All das gehört selbstverständlich zur „Bolschewisierung der Partei“, wie das Maulspitzen zum Pfeifen gehört. Der Witz der Sache aber liegt darin, dass auch hier, in der Theorie, nicht nur das Maul gespitzt, sondern wirklich gepfiffen werden muss. „Ich muss erklären, dass das Bestreben der Praktiker, der Theorie auszuweichen, dem Leninismus widerspricht und große Gefahren für die proletarische Sache in sich birgt“ (Stalin, S. 27). Die „Durchführung des Leninismus auch in der Theorie“ muss vielmehr im Sinne Lenins durchaus als eine besondere Teilaufgabe innerhalb der Gesamtaufgabe der „Bolschewisierung der Partei“ gestellt und konkret durchgeführt werden.

Wie alle anderen Teilaufgaben der „Bolschewisierung“, so kann auch diese theoretische Aufgabe nicht „über Nacht“ gelöst werden. Was Genosse Lenin in einer seiner letzten Reden auf dem 4. Kongress mit besonderem Bezug auf die organisatorische Seite der Bolschewisierung gesagt hat, gilt gleichmäßig für alle Seiten des Prozesses der Bolschewisierung der Partei, und in dieser allgemeineren Weise müssen wir es heute verstehen. Wie die bolschewistische Parteiorganisation, so ist der gesamte Bolschewismus und Leninismus, seine Praxis und nicht weniger auch seine Theorie, für ein schnelles und müheloses Verständnis durch die „Ausländer“ „zu russisch”. Er „spiegelt die russische Erfahrung wider“. Deshalb wird er „von den Ausländern nicht verstanden“. Die „Ausländer“ (das heißt die kommunistischen Parteien von Europa und Amerika) dürfen sich aber dennoch heute nicht mehr damit begnügen, ihn „als Heiligenbild an die Wand zu hängen und anzubeten“. Damit ist nichts erreicht. Sie müssen „ein Stück der russischen Erfahrung in sich aufnehmen“. Und dazu müssen die „Russen“ den „Ausländern“ helfen und müssen ihnen begreiflich machen, dass auch für sie (wie in einem anderen Sinne für die Russen selbst) das Wichtigste für die jetzt beginnende Periode das „leninistische Lernen“ ist.

Zu guter Stunde für dieses wirkliche, gegenwärtig bei uns in der Masse der Parteimitglieder auch schon wirklich empfundene leninistische Lernbedürfnis erscheint die deutsche Ausgabe des „dem Leninischen Aufgebot“ gewidmeten Leninismus-Buches des Genossen Stalin. Dieses Buch, aus dem „die neue Parteiarbeiter-Generation an der Swerdlow-Universität in Moskau die Grundlagen des Leninismus gelernt hat“ (Béla Kun. Vorwort zur deutschen Ausgabe), ist auch für uns „Ausländer ein geeignetes Lernmittel, mit dem wir anfangen können, des Leninismus zu lernen.

Ein Lernmittel für Anfänger im Leninismus, das ist wirklich die richtigste Umschreibung dafür, was man in diesem Buche suchen und was man darin nicht suchen soll. Selbstverständlich ist es keine erste Einführung für Anfänger, kein ABC für Elementarschüler der proletarischen Klassenphilosophie und Klassenwissenschaft überhaupt. „Lenin ist Marxist, und die Grundlage seiner Weltanschauung ist selbstverständlich der Marxismus“ (Stalin, Seite 3). „Den Leninismus darlegen bedeutet, das Besondere und Neue in den Arbeiten Lenins aufzeigen, das er dem reichen Schatz des Marxismus hinzufügte und das mit seinem Namen verknüpft ist” (ebd.). Also nur das Besondere und Neue der Leninistischen Theorie, wodurch sich diese Theorie als eine unter neuen Bedingungen den Kapitalismus und des proletarischen Klassenkampfes über den Marxschen Standpunkt fortentwickelte, neue Form des Marxismus darstellt, wird vom Genossen Stalin speziell behandelt. Er macht es dadurch den „Ausländern“ wirklich möglich, „ein Stück der russischen Erfahrung in sich aufzunehmen“, in jenem besonderen Sinn des Wortes „russische Erfahrung“, den dieses Wort im Beginn des 20. Jahrhunderts und vor allem seit dem Jahr 1917 für die revolutionäre Proletarierklasse angenommen hat. Die „Theorie“ ist für den Marxisten-Leninisten nichts anderes, als die Erfahrung der Arbeiterbewegung auf ihren allgemeinen Ausdruck gebracht. Die Theorie des „Marxismus“ überhaupt ist „die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder als ganzes genommen“ (Stalin, Seite 27). Und das „Besondere und Neue“ im Leninismus ist eben die „russische Erfahrung“, das heißt, genauer ausgedrückt, die Erfahrung der revolutionären Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert, gesehen aus der Perspektive desjenigen Proletariats, welchem die Geschichte als unmittelbare Aufgabe „die Zerstörung des mächtigsten Stützpfeilers nicht nur der europäischen, sondern auch der asiatischen Reaktion“ gestellt hatte und welches durch die „Verwirklichung dieser Aufgabe“ zum Vortrupp des internationalen revolutionären Proletariats“ gemacht worden ist. Diese „russische Erfahrung“ als Theorie ist das Spezifische an der Leninschen Lehre, was uns Anfängern im Leninismus (welcher westeuropäische Marxist wäre nicht ein solcher Anfänger?) das Lenin-Buch des Genossen Stalin übermittelt. Ein Lehrbuch für Marxisten, zur Erlernung des Leninismus!

Andererseits wäre es aber auch verkehrt und sehr äußerlich und absolut undialektisch gedacht, wenn man hieraus nun folgern wollte, dass das Stalinsche Buch über den „Leninismus“ den „Marxismus“ schon „als bekannt voraussetzt“, so dass es nur von solchen Lesern mit Nutzen gelesen werden könnte, welche den „Marxismus“ schon bis zu Ende studiert haben. Schon der Umstand, dass alle diese „Vorlesungen“, in die Genosse Stalin sein aus einem Gusse geschriebenes Buch gegliedert hat (die äußere Entstehungsgeschichte ist umgekehrt: Einzelvorträge wurden zu einem Buch aneinandergereiht!), vor der jungen Arbeitergeneration in Moskau gehalten worden sind, bedingt, dass sie bei aller Verlegung des Schwerpunktes auf das Neue, das Idiomatisch-Leninistische im Marxismus, doch ein für sich verständliches Ganzes des Marxismus-Leninismus geben, eine Darstellung des Marxismus als Leninismus, als der „Theorie der Revolution“ in der Epoche des Imperialismus und der unmittelbaren Aktualität der proletarischen Revolution. Auch unsere „ausländische“ neue Generation der Arbeiter und der „Berufsrevolutionäre“ wird in Zukunft nicht, wie wir Älteren das notgedrungen tun mussten, wie es aber künftig nur noch die Spezialisten der Geschichte des Marxismus-Leninismus tun werden, zuerst den „Marxismus im allgemeinen“ (besser ausgedrückt: die vorleninistischen Entwicklungsstadien des Marxismus vom Kommunismus der 40er Jahre bis zum Marxismus des „Kapital“ und bis zum Zerfall des Marxismus in der zweiten Internationale und zu der Antithese dieses Zerfalls – „in der Verworfenheit die Empörung über die Verworfenheit“ –, der Theorie von Rosa Luxemburg!) studieren, und danach das Neue, Idiomatische des Leninismus als einen nachträglichen Zusatz, sondern sie werden von vornherein die vollendete Form, den Leninismus, und in ihm zugleich den Marxismus studieren. „Der Marxismus kann in der Epoche der imperialistischen Entwicklung und der proletarischen Revolution nur in der Form des Leninismus zweckmäßig propagiert werden“ (Propaganda-Thesen des 5. Weltkongresses). So ist also das Buch des Genossen Stalin, obwohl und sogar gerade weil es den Marxismus nur als Leninismus behandelt, ein geeignetes Propagandabuch und Lernmittel nicht nur für voll ausgebildete „Marxisten“, sondern auch für solche Proletarier, die mit ihrem Studium des Leninismus zugleich, und durch dieses Studium selbst, auch den Marxismus erst studieren müssen. Natürlich kann aber das Werk des Genossen Stalin diese Bestimmung nicht voll erfüllen, solange es nur als gedrucktes Buch im Buchhandel verbreitet wird. Da wird es viel bewundert und viel gelesen, aber – trotz der kristallenen Klarheit und bildhaften Kraft seiner Sprache – vermöge seines allzu großen spezifischen Gewichts nur sehr wenig verstanden werden. Seine für die „Bolschewisierung der Partei“ praktisch wichtigste Bestimmung als ein Lernmittel für das Studium des Marxismus-Leninismus wird es erst dann erfüllen, wenn es den größeren Kreisen der Parteifunktionäre und Mitglieder in besonderen Propagandakursen von besonders geschulten Kurslehrern erklärt wird, die die Fähigkeit besitzen, im Leninismus den Marxismus und den Marxismus als Leninismus zu lehren und zugleich die Grundgedanken der marxistisch-leninistischen Theorie als Niederschlag, Ausdrucksform und Instrument der bolschewistischen Praxis zu begreifen und zu behaupten. In dieser Weise propagiert, wird das Buch des Genossen Stalin ein mächtiger Hebel werden zur Bolschewisierung der Partei, zur Durchführung des Leninismus in der Kommunistischen Partei Deutschlands und in den übrigen westeuropäischen Sektionen der Kommunistischen Internationale.

Neben seiner Bedeutung als Schule des Leninismus hat das Stalinsche Werk noch die weitere Bedeutung, dass es das erste in deutscher Sprache vorliegende Buch ist, welches den wirklichen Leninismus in seiner Ganzheit darstellt. Genosse Stalin sagt von seinem Buche, dass es „im besten Falle eine gedrängte Skizze der Grundlagen des Leninismus“ sei. Fast jedes einzelne der neun inhaltsschweren Kapitel („Die historischen Wurzeln des Leninismus; die Methode; die Theorie; die Diktatur des Proletariats; die Bauernfrage; die nationale Frage; Strategie und Taktik; die Partei; der Arbeitsstil“) beginnt mit dem Hinweis, dass aus dem ganzen Thema „nur“ einige Fragen „herausgegriffen“ werden sollen. Wir glauben aber, dass in jedem einzelnen dieser einem besonderen Thema gewidmeten Kapitel Genosse Stalin nichts weniger als das Wesen und den Kern des ganzen Themas herausgegriffen und durch diese Reihe überaus glücklicher „Griffe“ am Ende den ganzen Lenin und den ganzen Leninismus ergriffen hat. Darüber hinaus tut er noch mehr. Er stellt die Lehre Lenins nicht nur dar, sondern er befreit sie von den ihr zugefügten, er befestigt sie gegen die ihr drohenden Entstellungen. Viele Kapitel beginnen mit einer sehr merkwürdigen „Einzelfrage“: mit der Frage der „Fragestellung“ (zum Beispiel das Kapitel über die Bauernfrage: „Manche glauben, dass das Grundlegende im Leninismus die Bauernfrage sei. Das ist vollkommen falsch. Die Grundlage des Leninismus, sein Schwerpunkt ist nicht die Bauernfrage, sondern die Frage der Diktatur des Proletariats…“), aber auch wo es nicht ausdrücklich geschieht, finden sich solche „Richtigstellungen“ auf Schritt und Tritt. Wichtig ist nicht nur, was Gen. Stalin sagt, sondern auch, wie er es sagt, und sogar auch das, was er nicht sagt. In meinem (auf dem 5. Weltkongress zu unrecht und ohne Begründung als eine Kritik am Leninismus aufgefassten) Artikel „Lenin und die Komintern“ in Heft 10/11 dieses Jahrgangs der „Internationale“ hatte ich in der Polemik gegen solche Verunstalter des Marxismus-Leninismus, wie den Genossen August Thalheimer, auf die Gefahren hingewiesen, die gerade auf diesem „scheinbar rein theoretischen und den praktischen Kampf der Fraktionen weit entrückten Gebiet“ dadurch entstehen können, dass der Versuch gemacht wird, „unter der für uns alle teuren, revolutionären Flagge des Leninismus mancherlei revisionistische, reformistische, opportunistische und liquidatorische Konterbande in die Praxis und in die Theorie des revolutionären Kommunismus einzuschmuggeln“. Die Durchführung des „Leninismus“ Stalinscher Prägung in den „bolschewisierten“ kommunistischen Parteien wird alle solche Versuche zuschanden machen.

 

[1] Die Internationale (Berlin), 1. November 1924 (Jg. 7., H. 21–22.), 668–670. – der Hrsg.