[Brief eines Unbekannten an N. Bucharin vom 6. Juli 1923.][1]

 

Berlin, 6. Juli 1923.

An den Genossen Bucharin,
Moskau

Werter Genosse,

Sie werden das Buch von Lukács: Geschichte und Klassenbewusstsein gelesen haben. Ich weiss nicht, ob Sie sich mit ihm  auseinandersetzen wollen. Ich ersuche Sie, auf alle Fälle, mir eine kurze Besprechung für die Inprekorr zu liefern. Dies scheint mir umso notwendiger zu sein, als die Freunde Lukács‘, diese Ergänzer des Marxismus, überall die grösste Reklame für das Buch machen. Sie werden gewiss ein objektives, marxistisches Urteil fällen. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen eine Kleinigkeit mitteilen.

Im April 19 sandten wir einige Aufsätze an den Genossen Lenin. Lukács schrieb damals über Dialektik. Ich las den Aufsatz, konnte ihn jedoch  nicht begreifen. Ich machte ihn auf diese Unverständlichkeit aufmerksam, worauf er mir antwortete: Die Russen waren gute Dialektiker, sie sollen nun erfahren, dass wir auch etwas davon verstehen. Der Genosse Lenin las den Aufsatz von Lukács und fasste sein Urteil in nur zwei Worten zusammen: Schlechter Dialektiker, Vielleicht wird das neue Buch von Lukács den Genossen Lenin Lügen strafen. – Auf alle Fälle ersuche ich Sie,, mir zu antworten, ob Sie die Besprechung übernehmen.

Mit den besten Grüssen
 

[1] Die als Durchschlag erhalten gebliebene Briefkopie befand sich in der Nachlassenschaft von dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Theodor Friedrich Wilhelm Bartz, unter Rechnungen, Akten der Zeitschrift Internationale Presse-Korrespondenz (Quelle: Institut für Marxismus–Leninismus beim ZK der SED, Zentrales Parteiarchiv I 2/707/126, 294.). – Im Briefkopf findet sich eine Notierung J/F., die nicht enträtselt werden konnte. – Allem Anschein nach war der Verfasser des Briefes einer der ungarischen Mitarbeiter der Inprekorr; die Quelle der im Brief mitgeteilten „Kleinigkeit“ ist höchstwahrscheinlich der als Delegierter während des I. KI-Kongresses in Moskau verweilender Ladislaus Rudas. – Der Hrsg.